750 Jahre Bad Berleburg:
Tag der Stadtgeschichte und
Verlegung der "Stolpersteine"

Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage
erinnert in Jubiläumswoche an Berleburger NS-Opfer

Stete Erinnerung durch "Stolpersteine"

Bad Berleburg. (lpd) Am Tag der Stadtgeschichte erinnert sich Bad Berleburg im Rahmen der Festwoche zum 750-jährigen Stadtjubiläum auch an ein dunkles Kapitel seiner Geschichte.

Dies ist eines der Fotos, das den Opfern ein Gesicht gibt: Es zeigt Lore Blumenthal, spätere Drucker, in ihrer Schulklasse um 1934. Wer weitere Personen erkennt, sollte sich mit dem Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage in Verbindung setzen. (WR-Foto: privat)
Dies ist eines der Fotos, das den Opfern ein Gesicht gibt: Es zeigt Lore Blumenthal, spätere Drucker, in ihrer Schulklasse um 1934. Wer weitere Personen erkennt, sollte sich mit dem Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage in Verbindung setzen. (WR-Foto: privat)

Der Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage Bad Berleburg beginnt an diesem 2. September um 12.30 Uhr in der Jacob-Nolde-Straße 5 mit der Verlegung von Stolpersteinen, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen.

Der Kölner Aktionskünstler Gunther Demnig wird die ersten 35 Steine für jüdische Berleburger Familien vor deren letzter, freiwillig gewählter Adresse setzen. Die Messingplatten der Steine tragen den Namen und die Lebensdaten dieser Menschen und sollen im Pflaster der Gehwege auffallen und sprichwörtliche "Stolpersteine" sein. "Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Demnig über seine Aktionskunst wider das Vergessen.

Vor sieben Häusern in Bad Berleburg will der Arbeitskreis für Toleranz- und Zivilcourage so an die Familien Gonsenhäuser, Krebs, Goldschmidt, Beifus, Stern und Blumenthal erinnern, die verfolgt, inhaftiert deportiert und zum Teil ermordet wurden.

Im Vorfeld dieser ersten Verlegung in der Kernstadt, haben sich die Mitglieder des Arbeitskreises darum bemüht, möglichst viele Angehörige dieser NS-Opfer ausfindig zu machen, sie um ihre Erlaubnis für die Verlegung zu bitten und zur Verlegung der Stolpersteine nach Bad Berleburg einzuladen. "Die Reaktionen waren durchweg sehr positiv", berichtet die Vorsitzende Gisela Ingrid Weissinger.

Und mit Roy Gonsenhäuser aus den USA kommt auch ein Nachfahre einer Bad Berlenburger Familie, um bei der Verlegung zu sprechen. Gonsenhäuser liege es am Herzen zu betonen, welch fruchtbares und bereicherndes Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden im Deutschland vor dem Nationalsozialismus gerherrscht habe, das dann jäh zerstört worden ist.

Die inzwischen 84-jährige Lucie Weinstein, geborene Krebs, hat aus Altersgründen abgesagt, aber die Enkeltöchter von Julius Goldschmidt, der trotz der Erfahrung des Holocaust als einziger nach Bad Berleburg zurückkehrte, sowie Nachfahren von Lore Drucker, geborene Blumenthal, haben ihr Kommen angesagt.

Einige Überlebende, wie Lucie Weinstein oder auch die Druckers hätten in den vergangenen Jahren immer wieder auch Bad Berleburg besucht. "Wie schmerzlich sie ihre Heimat vermisst haben, lässt sich in ihren Erinnerungen nachlesen", bestätigt Johannes Weissinger.

Neben dieser ersten Verlegung von Stolpersteinen in Bad Berleburg - eine zweite ist für Februar 2009 geplant - will der Arbeitskreis diesen Opfern des Nationalsozialismus auch ein Gesicht geben. Portraitfotos oder Aufnahmen aus dem Alltag der Familien Goldschmidt, Blumenthal und Krebs werden parallel im Haus des Ev. Kirchenkreises Wittgenstein in der Schlossstraße 25 ausgestellt. Bilder von den Familien Beifus und Stern konnte der Arbeitskreis trotz intensiver Bemühungen noch nicht ausfindig machen.

Ohnehin sei es schwer, Informationen über die NS-Opfer zu finden. Während die Schicksale von jüdischen Familien noch vergleichsweise am besten dokumentiert seien, gebe es keine Unterlagen über Kommunisten, andere politisch oder religiös Verfolgte in Bad Berleburg. Der Verein will allerdings auch versuchen, für die als "Zigeuner" diffamierten, aus Bad Berleburg verschleppten und ermordeten Menschen Stolpersteine zu verlegen. Dafür sei aber auch das Einverständnis deren Angehöriger nötig, so Gisela Ingrid Weissinger. Weiterhin soll die Aktion nicht nur auf die Kernstadt beschränkt bleiben, da es beispielsweise in Elsoff eine starke jüdische Gemeinde gegeben habe.

Bei der Verlegung am Dienstag, 2. September, werden auch Bad Berleburgs Bürgermeister und Landrat Paul Breuer sprechen, die die Aktion, ebenso wie die meisten Angehörigen der Opfer, bereits mit Spenden unterstützt haben.

Der Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage ist nach wie vor bei der Verlegung dieser Steine auf Spenden angewiesen. Für jeden Stein werden 95 Euro benötigt.

Weitere Informationen finden Sie hier:

www.stolpersteine.com

Spendenkonto:

KD-Bank Duisburg
BLZ 350 601 90
Kto. 200 133 70 28
Ev. Kirchenkreis Wittgenstein, Stichwort "Stolpersteine"

Namen

Erinnerung an 35 Menschen

  • In der Jacob-Nolde-Straße 5 werden Steine für die Familie Gonsenhäuser verlegt. Dort wohnten die Eltern Auguste und Moritz Gonsenhäuser mit ihren Söhnen Mas, Ludwig, Helmut, Hans und Werner.
  • In der Emil-Wolff-Straße 15 lebte Levi Krebs, der Vater von Adele und Adolf Krebs, Großvater von Ruth und Schwiegervater von Adolfs Ehefrau Betty.
  • In der Emil-Wolff-Straße in der Nähe der Odebornbrücke lebten Selma und Julius Goldschmidt mit ihren Kindern Else Emilie, Paula, deren Mann Arthur, sowie Alma Amalie, Herbert, Margarethe, Ruth Gertrude und Hildegard Goldschmidt.
  • In der Emil-Wolff-Straße 5 lebten Ida Beifus und ihr Sohn Walter.
  • In der Ederstraße 20 lebten Albert und Johanna Stern mit ihren Kindern Alfred und Grete.
  • In der Ederstraße 5 lebten Julius und Lina Krebs mit ihren Kindern Lucie (später Weinstein), Hildegard und Paul.
  • In der Hochstraße 7 lebte Else Blumenthal mit ihrer Tochter Lore.
  • Die Namen und die Schicksale dieser Menschen werden bei der Verlegung der Stolpersteine nochmals in Erinnerung gerufen.
  • Zehntklässler der Bad Berleburger Ludwig-zu-Sayn-Wittgenstein-Hauptschule werden ihre Namen verlesen.
Westfälische Rundschau (WR)

Westfälische Rundschau (WR) vom 19.08.2008
Bildquelle: WR-Foto (1) von privat

 
 


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