300 Jahre "Church of the Brethren":
Jubiläumswochenende in Schwarzenau

Entschuldigung angenommen
Mann der Landeskirche bat Brethren
bei Jubiläumswochenende um Vergebung

Ingo Stucke (l.) entschuldigte sich als Mitglied der Landeskirchenleitung für das Leid, das die Täufer auch in Wittgenstein erfuhren. Robert Lehigh nahm die Entschuldigung an. (SZ-Foto: Jens Gesper)
Ingo Stucke (l.) entschuldigte sich als Mitglied der Landeskirchenleitung für das Leid, das die Täufer auch in Wittgenstein erfuhren. Robert Lehigh nahm die Entschuldigung an. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Nach dem Tag der Westfälischen Kirchengeschichte in Bad Berleburg waren am Sonntag auch viele Historiker in Schwarzenau - und erlebten dort Historisches mit.

Schwarzenau. jg Ingo Stucke war es als Mitglied der Kirchenleitung der Ev. Kirche von Westfalen, der in seinem Grußwort bei der Jubiläumsveranstaltung zum 300. Jahrestag der Alexander-Mack-Taufe in der Eder das Historische sagte. Und dafür dürfte er sicherlich gern die vorher erbetene Höchst-Redezeit von drei Minuten überschreiten, auch wenn Präses Alfred Buß die Dekade zur Eindämmung des Wortschwalls eingeläutet habe. Ingo Stucke konstatierte zunächst einmal, dass Wittgenstein zweifellos das erste deutsche Territorium gewesen sei, wo Gewissensfreiheit herrschte. Andererseits hätten orthodoxe Lutheraner und Reformierte die Täufer damals verfolgt - und deshalb sagte er zu den hunderten von Brethren in der Schwarzenauer Reithalle: "Wir bitten Sie um Vergebung." Was den Mann aus Bielefeld aber nicht dahin brachte, die Unterschiede zwischen den Brethren und der evangelischen Kirche von Westfalen auszublenden. Im Gegenteil, er wies noch einmal deutlich auf das unterschiedliche Taufverständnis hin. Für sein gleichermaßen ehrliches, wie emotionales Grußwort, kam Ingo Stucke natürlich nicht mit drei Minuten hin, doch er löste auf, dass der Wortschwall sowieso erst bis 2017 eingedämmt werden solle, wenn Deutschland 500 Jahre Reformation feiere. Dazu seien die Brethren übrigens ganz herzlich eingeladen, nicht dass sie erst wieder 2058 zum nächsten Jubiläum nach Schwarzenau kämen. Eröffnet worden war der lange Reigen der Grußworte nach einem gemeinsam gesungenen "Amazing Grace" von Bernhart Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. Auch im Namen seines Berleburger Vetters Richard überbringe er Grüße an die Versammlung. Er unterstrich, wie stolz die Schwarzenauer seien, dass eine solche Bewegung in ihrem Dorf den Ausgange genommen habe, außerdem erinnerte er daran, wie die amerikanischen Brethren nach dem Zweiten Weltkrieg den Schwarzenauern geholfen hatten. Auf Englisch wünschte er der Gästen "God bless You" - zu deutsch: Gott segne Euch. Mit stehenden Ovationen wurde er dafür von der Festgemeinde bedacht.

Wie nahe Michael Miller (2. v. l.), der die Schlussandacht hielt, dieser Termin ging, machte seine immer wieder brechende Stimme deutlich. Mit viel Einfühlungsvermögen und brillanten Englisch-Kenntnissen übersetzte Christina Marburger (l.) beim Festakt am Sonntag. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Bad Berleburgs Bürgermeister Bernd Fuhrmann - der auch im Namen von Ortsvorsteher Bodo Hüster redete - sprach ebenfalls in seinem Grußwort Englisch, und nahm darin auf, dass für Brethren die Fahrt nach Wittgenstein eine Reise zu den Ursprüngen ist, der Verwaltungschef sagte: "Herzlichen Dank, dass Ihr nach Schwarzenau nach Hause gekommen seid." Landrat Paul Breuer wies die Gäste aus aller Welt darauf hin, dass Siegen-Wittgenstein auch heute noch ein Zentrum des lebendigen Glaubens sei. Er dankte vor allem dem Schwarzenauer Heimatverein, der mit großen Organisations-Anstrengungen das Fest-Wochenende in dieser Form mit ermöglicht hatte. Nachdem der Landrat noch ein wenig Werbung für unsere schöne Landschaft und die weiterhin prosperierende Wirtschaft gemacht hatte, versicherte er den Gästen, sie seien "immer wieder herzlich willkommen".

Genaue Zahlen sind kaum zu nennen. Aber am Sonntag waren gut 900 Besucher beim Festakt in der Reithalle, von denen sich keiner die Schlussandacht an der Eder entgehen ließ. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Zu den Ehrengästen aus dem kirchlichen Bereich gehörte nicht nur der bereits erwähnte Ingo Stucke, sondern auch Dr. Wilhelm Richebächer, Mitglied der Leitung der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Auch er sah, dass das Wann und Wie der Taufe wichtig sei, ausschlaggebend sei es letztendlich jedoch, "ein Kind Gottes zu sein". Auch im Zeichen einer weltweiten Ökumene sei diese Feier in Schwarzenau wichtig, schriftlich hatten die Brethren übrigens einen Glückwunsch vom Ökumenischen Rat der Kirchen erhalten, der ebenfalls verlesen wurde. Auch hier wurde auf den Brethren-Einfluss auf die ökumenische Bewegung verwiesen.

Diese Tafel der Brethren erinnert seit der offiziellen Enthüllung am Samstagnachmittag an die Gastfreundschaft von Henrich Albrecht zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein – und dankt dafür. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Wittgensteins Superintendent Stefan Berk betonte besonders die Friedfertigkeit der Brethren-Bewegung, die den Kriegsdienst in großen Teil absolut ablehnt, und wünschte am Ende seiner Ausführungen passenderweise: "Sein Friede sei mit uns allen." Oliver Lehnsdorf nahm als Pfarrer der evangelischen Lukas-Gemeinde im Eder- und im Elsofftal die Schwarzenauer Ederbrücke als schönes Symbol der Verbindung zwischen den weltweiten Brethren und den Wittgensteinern. Gerd Karpf freute sich als Vorsitzender des Wittgensteiner Heimatvereins, dass das Geschichtsbewusstsein der Brethren eine Heimatverbundenheit mit unserem Wittgensteiner Land zum Ausdruck bringe.

Der Beddelhäuser Hans-Werner Braun, der mit Schwarzenaus Kirchengemeinde schon 1991 auf den Spuren der Brethren in Amerika unterwegs war, betonte als Vorsitzender der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Siegerland-Wittgenstein, dass das Engagement fürs Brethren-Erbe satzungsmäßige Aufgabe der Gesellschaft sei. Und Bernd Julius nutzte als Vorsitzender des Schwarzenauer Heimatvereins sein Grußwort, um an den Amerikaner Dr. Donald Durnbaugh zu erinnern, der mit großem Einsatz das gemeinsame Jubiläum über Jahre vorbereitet hatte, aber vor drei Jahren überraschend verstorben war. Abgeschlossen wurde der Grußworte-Reigen von Stan Noffinger, Generalsekretär der Church of the Brethren, und David Guiles, Leitender Direktor der Grace Brethren International Missions. Ach so, und Robert Lehigh meldete sich nochmal zu Wort. Der Vorsitzende des Brethren Enzyklopädie Kommission, dem Planungsausschuss auf internationaler Seite, nahm die Entschuldigung von Ingo Stucke an.

Dana Statler taufte den zehnjährige John-Michael aus Pennsylvania am Sonntag in der Schwarzenauer Eder durch dreimaliges Untertauchen. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Dana Statler taufte den zehnjährige John-Michael aus Pennsylvania am Sonntag in der Schwarzenauer Eder durch dreimaliges Untertauchen. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Dana Statler taufte den zehnjährige John-Michael aus Pennsylvania am Sonntag in der Schwarzenauer Eder durch dreimaliges Untertauchen. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Zwei Neu-Taufen und zwei Tauf-Auffrischungen

Dana Statler taufte den zehnjährige John-Michael aus Pennsylvania am Sonntag in der Schwarzenauer Eder (Foto) durch dreimaliges Untertauchen. Auch John-Michaels Schwester, die drei Jahre ältere Lauren, wurde getauft. Darüber hinaus wiederholten die beiden deutlich älteren Brethren Lloyd Hazzard und Ray Feather in einem gegenseitigen Zeremoniell ihre bereits vor Jahren in den USA durchgeführte Taufe, um ihren Bund mit Gott an historischer Stelle zu erneuern.

An die Besuche amerikanischer Brethren ist man in Schwarzenau seit Jahren gewöhnt, doch die Gläubigen können auch ganz anders aussehen, wie man an Filibus Gwama und Asabe Moses aus Nigeria erkennt. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Auch aus Nigeria

An die Besuche amerikanischer Brethren ist man in Schwarzenau seit Jahren gewöhnt, doch die Gläubigen können auch ganz anders aussehen, wie man an Filibus Gwama und Asabe Moses aus Nigeria erkennt.

Sechs unterschiedliche Brethren-Gruppen gibt es heute. Dass diese das Jubiläum gemeinsam feierten, war bereits ein großer Erfolg. Aus 18 Nationen von Amerika bis Asien, von Afrika bis Europa kamen sie nach Schwarzenau. 800.000 bis 1 Mill. Gläubige hat die engagierte Friedenskirche heute weltweit.

Dr. Marcus Meier untersuchte im Fest-Vortrag, ob die Brethren eher Täufer oder eher Pietisten sind. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Achtmal Frieden

Dr. Marcus Meier untersuchte im Fest-Vortrag, ob die Brethren eher Täufer oder eher Pietisten sind. Wer das wissen möchte, sollte sein Buch kaufen.

Für ihn stand jedenfalls fest, dass sie eine Gruppe sind, "die auch heute unverzichtbar ist". Auch wegen ihres Friedens-Engagements. Den achtsprachigen Friedens-Pfahl, den man im Bild sieht, bekamen die Schwarzenauer von den Brethren geschenkt. Er soll nun im Dorf aufgestellt werden.

 

Dass die Fest-Veranstaltung am Sonntagnachmittag so lange dauerte, hatte mit vielen dieser Leute zu tun, die alle ein Grußwort hielten. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Viele Grußworte
und viel Arbeit

Dass die Fest-Veranstaltung am Sonntagnachmittag so lange dauerte, hatte mit vielen dieser Leute zu tun, die alle ein Grußwort hielten. Dass die Veranstaltung überhaupt stattfand, hatte ebenfalls mit vielen dieser Leute zu tun. Sowohl auf Wittgensteiner als auch auf amerikanischer Seite wurde unendlich viel Arbeit in die Organisation des Jubiläums-Festes gesteckt. Stellvertredend seien bei den Gästen aus den USA Dale Stoffer (2. v. r.) und Dale Ulrich (3. v. r.), Co-Koordinatoren im Planungsausschuss der Brethren Enzyklopädie Kommission, genannt.

Siegener Zeitung (SZ)

Siegener Zeitung (SZ) vom 05.08.2008
Bildquelle: SZ-Fotos (10) von Jens Gesper

 
 


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