Cool-Tour 2009: "Aber bitte mit Sosse"
Mit scharfer Zunge und Biss
Bad Berleburg. (cw) Mit der Öffnung der Bad Berleburger Schlossschänke haben sich für die Kulturgemeinde Bad Berleburg spannende Möglichkeiten für Cool-Tour-Veranstaltungen aufgetan. Vom Kabarett bis zur Literaturlesung bietet Gastwirt Christoph Haupt im gediegenen Ambiente Menüs mit musikalischer Untermalung und ausgefeiltes Unterhaltungsprogramm vom Feinsten.
Die Debütveranstaltung der Cool-Tour stellten jetzt Tankred Schleinschock, selbst musikalischer Leiter und Regisseur am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel, und Andreas Bühning, Sänger und Kabarettist, auf die Brettlbühne, die für sie die Welt bedeutet.
Mit beißenden, schneidenden, scharf gewürzten Sentenzen gibt Hugo Schmalz alias Tankred Schleinschock eine Retrospektive auf die vergangenen drei diätetischen Jahre seines Lebens. Ehefrau Gaby Schmalz, geb. Locke (einen Doppelnamen lehnte die Dame aus verständlichen Gründen ab), treibt unerbittlich die Gewichtsreduktion ihres unwilligen Gatten voran. Mit sprechender Waage zu Weihnachten und einer von Andreas Bühning fulminant interpretierten Musicalpräsentation des "Glöckners von Notre Dame" weiß Hugo nun: "Genau das, was der Glöckner auf dem Rücken hat, schiebe ich vor meinem Bauch her", eine Animation zum Abwenden des Schicksals, eines Tages doch noch den drohenden Übergewichtstod zu sterben.
Die Selbsthilfegruppe der "ungezügelten Appetitler", der bereits Freund Heinz-Dieter beitreten musste, ist eher abschreckendes Beispiel für den "unterzuckerten Appetitler" Hugo. Lebensmotto des vor Hunger Zähnefletschenden ist "ich esse, also bin ich" - sehr frei nach René Descartes und daran wird sich auf lange Sicht nichts ändern.
Essen verpackt, serviert und drapiert auf dem edelsten Geschirr, als Fingerfood oder in pürierter Form, ist Seelennahrung und Nährmittel für den bissigen Humor der beiden Kabarettisten. Ohne gute Nahrung, macht sie nun dick oder nicht (denn eigentlich macht ja nur Fett fett) kommen keine guten Ideen, da fehlt das Know-how und die spitze Zunge ist vorher nicht einmal in den Genuss einer wie Öl runter gehenden Soße gekommen.
Essen ist in allen Zeitaltern beschrieben worden: Vom Genuss bis zur unermesslichen Gier treten alle Nuancen in Erscheinung. Das literarische Gedicht der Familie Schwoche bringt es philosophisch an den Tag, dass Essen nur etwas für Hartgesottene ist, sprich für alle. Giftig ging es auch zu bei der pikanten Rezepturvorstellung für das gebackene Kamel mit Füllung für 400 Personen, und die Interpretation auf unstillbaren Hunger und Unersättlichkeit des Menschen lag hier klar auf der Hand.
Nun wissen auch alle Gäste, in der bis auf den letzten Platz gefüllten Schlossschänke: Jede Speise hat ihre Entstehungsgeschichte vom Boeuf Stroganoff bis zur Crème brullé. Nicht nur Hinhören, zuschauen, mitsingen und mitklatschen waren an diesem schmackhaft geschmackvollen Vormittag gewünscht, zu essen gab es selbstverständlich auch. Von Croissants, über Filterkaffee bis hin zu Tomatensuppe und Hirschragout (passend zum fürstlichen Ambiente) und der abgestimmt feinen Waldbeercreme ließen sich die Gäste das Menü genüsslich auf der Zunge zergehen, ohne dass einem einzigen der ohrfeigende Humor der beiden vom Westfälischen Landestheater den Geschmacks verderben konnte.
Dirk Buschs "Ich zieh den Bauch nicht mehr ein" machte Mut zum weiter essen, stärkte den vielen Lebensmittelfanatikern im Saal den Rücken: Essen ist Liebe pur, macht glücklich, Leib und Seele, was willst Du mehr?
Westfalenpost (WP) vom 20.01.2009
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Weinhold







