"Tannöd"-Lesung mit Andrea Maria Schenkel
auf "Hof Rüsselsbach"

300 Krimifreunde auf Gänsehaut-Suche

Das einsturzgefährdete Gebäude 'Hof Rüsselsbach' darf niemand betreten - im Normalfall zumindest nicht. Bestsellerautorin Andrea Maria Schenkel (l.), die ohnehin das Gruselige liebt, erklärte sich gemeinsam mit ihrer Agentin Ira Scheidig (M.) und Bad Berleburgs Kustodin Rikarde Riedesel bereit, sich kurzzeitig in Lebensgefahr zu begeben. (WP-Foto: Christiane Weinhold)
Das einsturzgefährdete Gebäude 'Hof Rüsselsbach' darf niemand betreten - im Normalfall zumindest nicht. Bestsellerautorin Andrea Maria Schenkel (l.), die ohnehin das Gruselige liebt, erklärte sich gemeinsam mit ihrer Agentin Ira Scheidig (M.) und Bad Berleburgs Kustodin Rikarde Riedesel bereit, sich kurzzeitig in Lebensgefahr zu begeben. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Wemlighausen. (cw) Ein laues Lüftchen wehte dem abendlichen Wanderer am "Mordhof Tannöd" alias "Hof Rüsselsbach" entgegen. Vorbei an der legendären blühenden "Goldeiche" trog jedoch der friedliche Schein. Furchtbares sollte dort oben geschehen sein, und um die 300 Neugierige wollten unbedingt leibhaftig dabei sein, wenn "Kommissarin" und Autorin Andrea Maria Schenkel aus Regensburg ihnen die Hintergründe für ihren kleinen Massenmord mitten im Grünen offenbarte.

Ein derart großes Aufgebot an Publikum hat der für die Kriminalverfilmung "Tannöd" durch die Familie Karl-Willi Harth zur Verfügung gestellte Hof noch nicht erfahren. Waren es vor Monaten Außenaufnahmen, die den Reiz an dem Unternehmen ausmachten, war es aktuell die Persönlichkeit der Schriftstellerin, die sich auf Einladung der Stadt Bad Berleburg und der hiesigen Kulturgemeinde nicht zweimal bitten ließ, den Drehort zu besuchen und mit einer Lesung aus ihren bekannten Romanen zu bereichern.

Ihre Agentin Ira Scheidig aus Bremen war es, die dem Besuch im "Rüsselsbach" noch Nachdruck verlieh. "Da musst du hin, das musst du gesehen haben. Bad Berleburg ist viele Jahre meine Ferienheimat gewesen. Schließlich lebten meine Großeltern Hans-Günter und Anneliese Walkenhorst jahrzehntelang in der Berleburger Parkstraße", warb Ira Scheidig vehement für das Odebornstädtchen und die Umgebung.

Quirlig, mit lustigen, wachen blauen Augen, in ein aufsehenerregendes Dirndl gekleidet, nahm die zierliche Frau mit den schwarzen langen Haaren vor ihrem erwartungsfrohen Zuhörern Platz. "Dies ist nicht das Bürgerhaus, sondern eine Örtlichkeit fernab des gewohnten Luxus. Unkonventionell geht es auch in puncto sanitäre Anlagen zu. Im Bedarfsfall benutzen Sie bitte den Wald", warb Kustodin Rikarde Riedesel für Verständnis.

In den 50er Jahren, dem Zeitraum des Mordgeschehens auf "Tannöd" waren die Menschen in ländlicher Abgeschiedenheit auch gezwungen, auf Annehmlichkeiten zu verzichten.

Andrea Maria Schenkel legt außerordentlichen Wert auf Authentizität in ihren bisher erschienenen Romanen "Tannöd", der bereits in 20 Sprachen übersetzt wurde, und "Kalteis", der die Geschichte des Münchner Massenmörders und Vergewaltigers Johann Eichhorn erzählt. Ihr dritter Roman, "Bunker", erschienen im März 2009, ist pure Fiktion und erwuchs der kriminellen Fantasie der Autorin.

Nicht abreißende Leserströme wollten unbedingt von der Erfolgsautorin eine Original-Signatur in ihre 'Tannöd'-Ausgaben setzen lassen. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Aber wie kam es zu derart düsterer Literatur, wo doch die Frohnatur in Andrea Maria Schenkel zu stecken scheint? "Meine Oma ist eigentlicher Auslöser für diese Vorliebe gewesen. Sie hat mir in der Kindheit von gruseligen Morden in diesem und jenem Hof oder Schloss in meiner bayrischen Heimat erzählt. Da konnte ich gar nicht anders. Sie werden von mir vergeblich einen Liebesroman erwarten", lässt die Frau mit Gespür fürs Grausame den Krimifreund auf eine "neue barbarische Nummer" hoffen.

Andrea Maria Schenkel legte ihren ersten Roman "Tannöd" den Verlagen "Nautilus" und "Emons" mit der Bitte um Veröffentlichung vor. "Nautilus" gab ihr eine begeisterte Ad-hoc-Zusage zur Publikation über die durch Mord mit der Spitzhacke ausgelöschte Familie Danner im bayrischen Einhausen, das in der Realität Schobenhausen heißt.

Die Autorin arbeitet in ihren Werken ohne Ermittler. Im "Tannöd" lässt sie zur Lösung der Mordfälle 17 Zeugen mit unterschiedlichen Ausdrucksweisen zu Wort kommen.

Zur Recherche des Romanstoffes bedient sich die Autorin in großem Umfang historischer Kriminalfälle, erlaubt sich den Blick in polizeiliche Asservatenkammern und liebt das Anschauungsmaterial der realen Kommissare. Sie schaut dem Volk aufs Maul, sammelt Namen auf Grabsteinen, die sie bei Spaziergängen über Friedhöfe passend für ihre Figuren erachtet und verpackt ihre Werke in Gänsehautgeschichten, von denen der eingefleischte Nicht-Krimileser schließlich auch nicht mehr lassen kann.

Ganz gespannt ist Andrea Maria Schenkel nun natürlich auf die Verfilmung ihres Bestsellers "Tannöd", der am 19. November seinen Kinostart erfährt und in dem sich eine Vielzahl Wittgensteiner Komparsen auf großer Leinwand wiederfindet.

Von Christiane Weinhold


WESTFALENPOST (WP)

Westfalenpost (WP) vom 23.05.2009
Bildquelle: WP-Fotos (2) von Christiane Weinhold (cw)

 
 


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