George Taboris "Mutters Courage" begeisterte
Eine Anleitung gegen das Vergessen
Bad Berleburg. (cw) Der 27. Januar erhielt nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die russische Armee im Jahr 1945 die Bedeutung des Gedenkens aller Opfer des Nationalsozialismus. Was lag da auch für die Kulturgemeinde Bad Berleburg näher, als genau an diesem Tag mit einem stets Brisanz bietenden Stück die Millionen von Menschen zu würdigen, die den barbarischen, lebensverachtenden Höllen, hießen sie nun auch Theresienstadt, Dachau oder Sachsenhausen, nicht entkommen konnten.
Im manierlich besuchten Berleburger Bürgerhaus fanden sich historisch und politisch interessierte Menschen ein, nahmen schweigend ihre Plätze ein und beobachteten die Szenerie des George-Tabori-Werkes "Mutters Courage". Im Vorfeld und im Nachhall der Aufführung hatten Interessierte Diskussionsmöglichkeit über die Inszenierung des Stückes mit dem Ensemble.
Das Schweizer Tourneetheater "Theater 58" erschuf unter Regie von André Revelly und Andreas Löffel, das entgegen der Michael-Verhoeven-Verfilmung mit einem Minimum an Darstellern auskommt, den authentischen Erlebnisbericht eines Sommertages im Jahr 1944.
Die szenischen Darstellungen werden in einem Mutter - Sohn - Dialog bearbeitet, der es zulässt, Nebenhandlungen unterschiedlicher authentischer Personen durch den Sohn zu symbolisieren.
Mutter Elsa Tabori (Dagmar Loubier) befindet sich in der Heimatstadt Budapest auf dem Weg zu ihrer an Epilepsie erkrankten Schwester Martha, um mit ihr Rommé zu spielen. Von den alternden Polizisten Klappka und Iglödy wird sie als Jüdin auf offener Straße festgenommen und schließlich in einen Viehtransporter Richtung Auschwitz gepfercht. 4030 "Reisende" befinden sich zu dieser Zeit auf dem Weg in die "jüdische Bäckerei", wie das KZ genannt wird.
George Tabori (Elmar Schubert) schildert die Erlebnisse seiner Mutter mit aller Deutlichkeit, keine Tabus werden ausgelassen, ist es nun die Beschreibung der sinnlichen Wahrnehmungen wie Gerüche oder Anblicke völlig verängstigter Menschen, die nach der Fahrt ins Ungewisse Schreckliches erahnen oder der Geschlechtsakt Elsa Taboris mit einem völlig Unbekannten inmitten der Menschenmenge im Zug.
In Auschwitz angekommen, gerät Elsa im Tohowabohu des Lagers an einen deutschen Offizier (Maurilio Nussio), der ganz entgegen der Unmenschlichkeit Seele zeigt. Elsa, die eine Kohlsuppe mit Wursteinlage gereicht bekommt, bietet ihm davon an. Der Offizier lehnt dies ab und bedient sich indes an Pflaumen, die Elsa in ihrer Handtasche mitführt. Er gibt ihr einen Einblick in sein Leben. Aufgrund ekelerregender Erlebnisse in der Kindheit wandelte er sich zum Vegetarier, diese Wandlung lässt den Offizier derart human erscheinen, dass er Elsa, die sich mit der Tatsache, einen Schutzpass des Roten Kreuzes zu besitzen, aus der verfahrenen Situation zu winden versucht, den Rückweg in einem Zug nach Budapest ermöglicht.
Mit sparsamen Mitteln erzeugt das Tourneetheater große Wirkung. Auf dunkler Bühne werden Bahnhofshallen und Aussichten aus einem fahrenden Zug an die Bühnenwand gebeamt, so dass der Zuschauer sich selbst mitten im Geschehen des Zuges und auch des Lagers Auschwitz wieder findet. Die teils monologen Szenenbeschreibungen durch George Tabori erhalten durch die völlig enttabuisierte Darstellung einen Schlüssellochcharakter. Mit Ehrlichkeit, Offenheit und der Leidenschaft des Opfers führt Tabori die unheilvolle Geschichte der Deutschen und der Juden vor Augen. "Mutters Courage", so meinte es George Tabori selbst, sei eine "Anleitung gegen das Vergessen".
Von Christiane Weinhold
Westfalenpost (WP) vom 29.01.2009
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Weinhold (cw)







