Cooltour 2009: Jesus' Leben ist wichtiger als sein Tod

Theaterstück entführte Zuschauer in die letzten Stunden
des Mannes aus Nazareth

Marco Pickart Alvaro sitzt in Leinen gehüllt in der Schlossschänke und verkörpert den wohl berühmtesten Mann der Welt: Jeshua von Nazareth. (WR-Foto: Stefan Kascherus)
Marco Pickart Alvaro sitzt in Leinen gehüllt in der Schlossschänke und verkörpert den wohl berühmtesten Mann der Welt: Jeshua von Nazareth. (WR-Foto: Stefan Kascherus)

Bad Berleburg. (sk) Als das letzte Licht der untergehenden Sonne durch die Ölbaumzweige auf dem Hügel vor Jerusalem scheint, weiß der Mann, dass seine letzte Stunde geschlagen hat, seine "letzte Nacht auf Erden", anbricht.

So lautet auch der Titel des kurzen Theaterstückes, das im Rahmen des Kulturprogrammes "Cooltour" der Bad Berleburger Kulturgemeinde in der Schloss-Schänke aufgeführt wurde. Die Bearbeitung der Burghofbühne Dinslaken machte aus dem dritten Teil der Eric-Emmanuel Schmitt-"Trilogie des Unsichtbaren" über die drei sogenannten Weltreligionen (bekannt ist unter anderem "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", welches verfilmt wurde) ein Ein-Mann-Stück mit Charakter.

Alles dreht sich um einen jungen Mann aus Nazareth, der sich "Jeshua" (hebräisch für Jesus) nennt. Er sitzt auf einem Ölbaum, wartend, hoffend und lässt sein Leben Revue passieren, bevor ihn die Soldaten abholen und verhaften.

Marco Pickart Alvaro übernimmt die Rolle des "Gotteslammes" in hervorragender Weise: Unrasiert mit zerwühltem Haar und nur in weißes Leinen gekleidet spielt er mit einer berührenden Intensität. Das Leiden, die Hoffnung, die Zweifel, all die Gefühle, die der literarische Jesus (fernab der übermenschlichen Bibeldarstellung) in sich hat, mit denen er kämpft, werden von ihm transportiert, das Publikum befindet sich mitten im Geschehen, mitten in der Gefühlswelt des jungen Mannes, aus dem einmal der "Retter der Welt" gemacht werden sollte.

So lässt sich Jeshua sein Leben im heutigen Israel noch einmal durch den Kopf gehen: Erste Liebe, Tod des Vaters, Begegnung mit Johannes dem Täufer, Flucht in die Wüste, die Jünger, Jerusalem, Statthalter Herodes und schließlich das letzte Abendmahl.

Immer wieder findet er Erklärungen für die angeblichen Wunder seines Wirkens, zeigt auf, was die geschichtliche Darstellung aufgenommen - und wichtiger: was sie verdrängt hat. Insgesamt zeichnet das sehr interessante Stück ein völlig neues Jesusbild: Nicht sein Sterben (so, wie in der Amtskirche immer wieder exerziert), sondern sein Leben sind der Stoff, aus dem die Geschichte ist. Zweifelnd, ratlos und unsicher: Ein realistisches Bild eines Mannes, den ein im Fluss badender Irrer als "Lamm Gottes" erkannt haben will.

Schlussendlich ist es Judas, der sein Leben verrät. Auch hier anders, als in der üblichen Darstellung: Auf Anweisung, nicht ob der berühmten Silberstücke. Anders als in der herkömmlichen Variante, wo Neid und Habgier eine zentrale Rolle spielen, ist im Stück eine weitere verbreitete, aber nicht gleichsam populäre Variante des Judasverrats aufgegriffen: Judas verriet Jesus, gezwungen Gottes Heilsplan durchzuführen. Jesus hat ihn darum gebeten.

Alvaro erntete für seine Darstellung minutenlangen Beifall der anwesenden Gäste in der Schloss-Schänke. Dies mag wohl auch an der entfremdeten Darstellung, dem Einbeziehen des Publikums (Umarmungen, Dazusetzen, Ansprache) gelegen haben. Jedenfalls hat die Burghofbühne mit minimalem Aufwand (Spotlight, Bettgestell und Stuhl als Bühnenbild und Ton vom Band) ein beeindruckendes Erlebnis aus einer völlig anderen Jesusgeschichte gemacht.

Von Stefan Kascherus


Westfälische Rundschau (WR)

Westfälische Rundschau (WR) vom 14.02.2009
Bildquelle: WR-Foto von Stefan Kascherus (sk)

 
 


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