Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel
spielte "Don Carlos" vor ausverkauftem Haus
Eine Dosis Schiller fürs Abitur
Bad Berleburg. (lpd) Unerfüllte Liebe, treue Freundschaft, Macht und Intrigen sind die Grundlagen jeder fesselnden Geschichte. Das ist bei Friedrich Schillers "Don Carlos" nicht anders als bei der täglichen Dosis Seifenoper, doch es liegen Welten zwischen dem Klassiker und seichter TV-Unterhaltung.

- Unerfüllte Liebe, treue Freundschaft, Macht und Intrigen sind die Grundlagen jeder fesselnden Geschichte. Das ist bei Friedrich Schillers Don Carlos nicht anders als bei der täglichen Dosis Seifenoper, doch es liegen Welten zwischen dem Klassiker und seichter TV-Unterhaltung. (WR-Foto: Lars-Peter Dickel)
Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel hat sich in einer schnörkellosen Inszenierung von Ralf Ebeling diesem Schiller-Stück angenommen und es vor ausverkauftem Saal im Bad Berleburger Bürgerhaus gespielt.
Schillers Don Carlos hat trotz seiner für heutige Maßstäbe schwer zugänglichen Blankvers-Sprache in reimlosen, fünfhebigen Jamben nichts von seiner Anziehungskraft verloren, auch wenn er dem zumeist aus künftigen Abiturienten bestehenden Publikum vollste Konzentration abverlangte.
Umso besser war es, die stark verwobene Handlung aus Ränkespielen am Hof des spanischen Königs Philipp II. in ein schlichtes Bühnenbild aus beweglichen Raumteilern und zwei Stühlen zu kleiden, dass den Blick auf das Wesentliche der Handlung fokussierte. Da war der leidenschaftliche Heißsporn Carlos, dem Dennis Laubenthal ein Gesicht verlieh.
Einfühlsam spielte er den jungen Kronprinzen, der am strengen Hofzeremoniell zerbricht und dem der abweisende Vater die Jugendliebe Elisabeth (Julia Gutjahr) ausspannte. Stark war auch der Auftritt von Guido Thurk als Marquis Posa, in dessen Figur von Carlos treuem Freund, Schiller den aufgeklärten Gegner König Philipps aufbaute. Den absolutistischen Herrscher zeichnete Andreas Wobig als zutiefst zerrissenen Monarchen, der sich einsam nach echten Freunden sehnt, die er in den von Francesco Russo und Markus Kloster perfekt als seelenlosen Technokraten dargestellten Herzog Alba und Pater Domingo nicht finden kann. Bestnoten für ihre Darstellung der aus verschmähter Liebe zum ruchlosen Luder gewordenen Prinzessin Eboli verdiente sich Lilija Klee.
Friedrich Schiller hatte sich den 80-jährigen Krieg zwischen den protestantischen Niederlanden und dem erzkatholischen Spanien als Hintergrund für seine aufklärerische Gesellschaftskritik ausgesucht. Religionskonflikt und absolutistische Ständegesellschaft, das waren auch die politischen Fragen, die ausgangs des 18. Jahrhunderts Deutschland beschäftigen. Anders als beispielsweise die psychologischen Fragen zum Menschsein in Goethes Faust, sind sie aber kaum mehr aktuell.
Künstlerische Freiheit war es, dass Schiller den historischen Stoff mit dem ebenfalls belegten Vater-Sohn-Konflikt zwischen König Philipp und Kronprinz Carlos verfremdete und mit einer unerfüllten Liebesgeschichte zwischen dem Kronprinz und seiner jungen Stiefmutter Elisabeth aufpeppte, die als ewig junger Dramenstoff auch heute jede TV-Abendunterhaltung füllen könnte, denn Liebe, Eifersucht und Hass sind immer aktuell.
So aktuell, wie die Abiturprüfungen im kommenden Jahr. Dann wird Schillers Don Carlos eines der möglichen Prüfungsthemen sein, weshalb sich die angehenden Prüflinge aus Schmallenberg, Winterberg, Bad Laasphe und Bad Berleburg den Stoff sicher ganz genau betrachtet haben werden, denn so kommt er nicht in der täglichen Dosis Seifenoper vor.
Von Lars-Peter Dickel
Westfälische Rundschau (WR) vom 16.10.2008
Bildquelle: WR-Fotos (4) von Lars-Peter Dickel (lpd)










