Michl geht seinen ganz eigenen Weg

Als Kiepenkerl zieht er übers Land,
um Geschichten zu erzählen und Lieder zu singen

Bad Berleburg. (bb) Wenn Michael "Michl" Klute zu erzählen beginnt, dann wird es still unter seinen Zuhörern. Spannend, herzerfrischend aber auch ergreifend und traurig sind seine Geschichten und Lieder auf einer ungewöhnlich, phantastischen Reise tief in die Vergangenheit.

Mit dem schottischen Dudelsack, seinen Geschichten und zahlreichen anderen Instrumenten ist Michl Klute als 'Mundwerker' in der Tradition der 'Kiepenkerle' unterwegs auf dem Rothaarsteig. (WR-Foto: Benedikt Bernshausen)
Mit dem schottischen Dudelsack, seinen Geschichten und zahlreichen anderen Instrumenten ist Michl Klute als 'Mundwerker' in der Tradition der 'Kiepenkerle' unterwegs auf dem Rothaarsteig. (WR-Foto: Benedikt Bernshausen)

Über Jahrhunderte waren die Kiepenkerle gern gesehene Menschen in Dörfern und Siedlungen. Sie wanderten scheinbar ziellos durch die Welt und in ihren großen Körben auf den Rücken trugen sie einfache Waren. Doch gehüllt in schlichte Kleider, bargen die Kiepenkerle ein kostbares, äußerlich nicht erkennbares Gut - ihre Geschichten.

In Zeiten, wo allein das gesprochene Wort als Mittler von Informationen galt, wusste kaum jemand zu erzählen, was außerhalb des eigenen Dorfes geschah. Die Kiepenkerle erlebten viel auf ihren Reisen, hörten Geschichten und wussten vom Leben in "der großen, weiten Welt" zu berichten. So waren es weniger ihre Waren, sondern die mal unterhaltsamen, mal ernsten Erzählungen, die interessierten.

Heute glaubt man diese alte Tradition längst ausgestorben und irrt. Es sind nur noch wenige, doch sie sind immer noch auf Wanderschaft als Kiepenkerle oder "Mundwerker". So wie Michl Klute. Am Samstagabend machte der gebürtige Sunderner bei seiner Reise über den Rothaarsteig in Bad Berleburg Station und bescherte ein ganz besonderes Unterhaltungserlebnis im "Landhaus Wittgenstein".

Aufmerksam und andächtig lauschte das Publikum

Aufmerksam und andächtig lauschte das Publikum seinen Geschichten, die oft mehr waren, als einfache Erzählungen. Denn manche Weisheit lag im Hintergrund verborgen, gab sich aber schließlich doch zu erkennen. Wie bei der Geschichte vom jungen Fischer, der voller Ungeduld, erst in einem unschönen Traum, von der grenzenlosen Kostbarkeit der Zeit erfuhr. Oder jene, vom alten Bauern Brockmann und dem Nussbaum im Hof, der Hüter und Träger so vieler Erinnerungen war.

Doch nicht nur traurig-nachdenkliche, sondern auch heitere Geschichten gehören zum Repertoire des Mundwerkers: Die vom einst in Berleburg lebenden Meisterdieb oder den volltrunkenden Sauerländern im Wirtshaus, die glaubten, mit Michls Hilfe die Kirche im Dorf verschoben zu haben. Und ein alter Klassiker durfte nicht fehlen: die Geschichte vom Studenten aus dem "Paradies" und der gutgläubigen Bauersfrau.

Dazwischen verwöhnte Klute seine Zuhörer mit musikalischen Einlagen, die für eine gelungene Abwechslung sorgten. Unzählige Flöten, von der Block- über die Ein-Loch- bis hin zur slowakischen Hirtenflöte, ein Ariston, eine Maultrommel, ein "Böhmischer Bock" und viele weitere Instrumente zählt die Sammlung des Kiepenkerls und vor allem das Spiel auf dem schottischen Dudelsack bescherte ein wohliges und wundervolles Klangerlebnis.

Und wenn Klute dann beginnt, aus seinem Leben zu erzählen sind es Unverständnis und Staunen, die den Augenblick beherrschen. Nach der Ausbildung hatte er nur kurz im Beruf gearbeitet und gemerkt, "dass der liebe Gott andere Dinge mit mir vor hatte. Fernweh - das Abenteuer rief mich", weiß er zu berichten.

Job gekündigt und alle Brücken abgebrochen

Er kündigte seine Arbeit als Umweltschutz-Techniker, trennte sich von allem Besitz, sogar allen Versicherungen, und zog nur in Begleitung seines Hundes "Cheyenne" hinaus. Als ihn in Frankreich die Armut erreichte, hatte er große Sorgen und nennt es heute "eine wertvolle Erfahrung". Er habe gebettelt und einfache Arbeiten erledigt, um seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Mittlerweile sind zwei Hunde und ein Maultier seine Begleiter.

Erst Einsamkeit und Langeweile brachten ihn zu seinem ersten Instrument, einer Blockflöte, und machte ihn zum Musiker. Viele Instrumente hat er auf seinen Reisen nicht nur kennen, sonder vor allem lieben gelernt. "Musik", erklärt Michl Klute, "ist nicht nur Klang. Musik schafft Vertrauen". Und gerade das habe er auf seinem Weg gebraucht. Die ewige Frage nach seinem Leben, habe ihn dann auch noch zum Geschichtenerzähler werden lassen und so zieht er seit vielen, vielen Jahren in der Tradition der Kiepenkerle durch Europa.

Michl Klute ist seinen ganz eigenen Weg gegangen. Weg von den Idealen der Gesellschaft, hinein ins ungewisse Abenteuer. Er lebte seinen großen Traum und hat es bis heute nicht einen Tag lang bereut. Ein Leben ohne Zeitnot, Stress und Hektik. Einmal habe er mit seiner "Karawane" ganz gemütlich eine Autobahnbrücke überquert. "Da trafen zwei Welten aufeinander", erinnert er sich. Unter ihm die rasenden und drängelnden Autos und er, oben auf der Brücke, ganz langsam und viel bewusster für seine Umwelt. Wie verrückt durchs Leben. Mit 200 Sachen. "Ob das wohl das Richtige ist?"

Von Benedikt Bernshausen

Westfälische Rundschau (WR)

Westfälische Rundschau (WR) vom 29.09.2008
Bildquelle: WR-Foto von Benedikt Bernshausen (bb)

 
 


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